Über Las Vegas ins Death Valley

Kurz vor Las Vegas

Ich weiss nicht, warum ich ausgerechnet auf dem Highway nach Las Vegas, den Artikel Unterwegs im Untergrund in unserem Reiseführer* lesen musste. Wir planten nur -Durchzufahren-, aber ein paar Basics über die junge Großstadt interessierten mich.

Las Vegas – Leben im Untergrund

Ich kann nicht glauben, was dort steht: Las Vegas verfügt über ein unteridirsches Tunnelsystem von über 480 km Länge. Es schützt die Stadt gegen Überschwemmungen bei Starkregen, denn Las Vegas liegt geologisch gesehen in einer Wanne. Es ist gleichzeitig die Kanalisierung für die Abwasser der Casinos, Hotelanlagen, Büros und Haushalte.

Und es dient als Wohnraum für Hunderte von Menschen… Obdachlose, Prostituierte, Spielsüchtige, aber auch Menschen mit einer geregelten Arbeit haben sich im Untergrund häuslich eingerichtet. Letztere nutzen das Abwassersystem sogar als Fahrradweg auf dem Weg zur Arbeit. Ein Leben in der Kanalisation.

Kann es Zufall sein, dass uns an der ersten Ampel in Las Vegas ein farbiger Obdachlose anspricht? Er springt vor unserem Bus und fuchtelt mit irgendetwas herum. Eine leere Pommesschachtel? Durch die Fenster verstehe ich ihn nicht. Aus dem Augenwinkel registriere ich, dass Berni nervös an Amaturenbrett werkelt. Er sucht die Zentralverriegelung, die unser Postbus nicht hat. Ich würde den etwa 30 – 40 jährigen Mann vermutlich auch so nicht verstehen. Als sich sein Gesicht unserem Fensters nähert, sehe ich, dass ihm die Schneidezähne fehlen. Hellrotes Zahnfleisch leuchtet mir entgegen. Entsetzt weiche ich zurück. Ein Kanalmensch. Die Ampel wird grün. Gott sei Dank.

 

Las Vegas – Leben in einer Scheinwelt

Ein paar Straßen weiter biegen wir in den Las Vegas Boulevard ein und trauen unseren Augen nicht. Da steht ein Kasino in einer Parkanlage mit üppigem Grün. Ein hoher Springbrunnen bildet den Mittelpunkt. Kurz danach passieren wir einen riesigen Teich. Es würde mich nicht wundern, wenn man darauf Tretboot fahren könnte. Vor einem Casino plätschern breite Wasserfälle. Mitten in der Wüste? Wo sind wir hier? Links steht der Eifelturm, rechts eine ägyptische Pyramide und daneben ein römischer Tempel. Eine Gitarre in Gebäudegröße und die Cola Flasche ebenfalls in XXL darf nätürlich auch nicht fehlen. Wir sind in Amerika. Natürlich. Überall Glitzer und wechselnde Reklamedisplays. Hat da etwa Trump seinen goldenen Turm?

Las Vegas – Leben in der Wüste

2018 zählte Las Vegas 640 000 Einwohner. Irgendwo müssen die braven Bürger doch leben? Beim Verlassen der Stadt passieren wir viele „Neubaugebiete“. Oft mit einer Mauer geschützt, stehen in den Farben der Wüste gehaltenen Einfamilienhäuser. Sehr dicht aufeinander. Der Kontrast zum Stadtkern könnte nicht größer sein.

Es ist sicherlich Zufall, dass dieser Kojote vor uns über den Highway huscht. Kurz nach den letzten Häusern. Da gibt es keinen Zweifel. Aber plötzlich dreht er sich um und schaut uns lange an. Und sein Blick ist intensiv und irgendwie vielsagend …

*Hans-R. Grundmann, Babel Synnatschke und Markus Hundt: Kalifornien Süd und Zentral mit Las Vegas, 3.Auflage 2018