Die Kraft der Liebe

Manchmal gibt es Begegnungen, die müssen sein. Das sind viel mehr als nur Zufälle. Das sind Hinweise. Damit wir unser Leben überdenken sollen. Dass wir wieder unterscheiden, was wirklich wichtig ist. Damit wir Demut lernen. Und es beschleicht mich das Gefühl, dass ich genau an diesen Strand kommen musste um Dulce zu begegnen.

Dulce

Es beginnt kurz nach unserer Ankunft in Verasur. Berni und ich leiden noch unter dem Jetlag und gehen früh morgens an den Strand. Wir wollen den Sonnenaufgang beobachten. Kurz darauf bemerken, wir eine Frau, die sich mit einem Rollstuhl die Rampe zum Strand abmüht. Die beiden Frauen haben offenbar dieselbe Idee. Im Rollstuhl sitz ein Häufchen Mensch: Dulce. Wir sehen es sofort. Sie hat Krebs. In sehr fortgeschrittenen Zustand. Ein Windstoß kann sie umwehen. Aber sie strahlt eine tiefe Ruhe aus. Sie sehnt sich nach dem Meer und dem Sonnenaufgang. Ihre Augen leuchten. Berni eilt sofort hinzu um zu helfen. Die Frau bedankte sich auf englisch. Das ist ungewöhnlich.

Wie alles begann

In den nächsten Tagen trifft Berni die Frauen am Strand, wenn er mit Johnny seine frühe Runde dreht. Immer winken sie ihm fröhlich zu. Inzwischen sind einige junge Menschen hinzugekommen. Sie machen leichte Sportübungen, meditieren und tanzen zu Musik. In ihrer Mitte sitzt Dulce. Sie macht mit, was ihre schwachen Kräfte zulassen. Und alle freuen sich. Als ich Berni eines Tages begleite, winken sie uns zu sich. Wir werden in ihren Kreis aufgenommen und sind überwältigt von der Kraft und der Liebe, die zu spüren ist. 

Die heilige Stunde

Seit dem freue ich mich jeden Tag auf unsere „heilige“ Stunde am Strand. Spanische Musik begleitet unsere Tänze. Wir danken der Mutter Erde, der Sonne und dem Mond, dem Wasser und dem Wind – und noch vielem mehr, was ich immer noch nicht verstehe. Denn meine Spanisch Kenntnisse sind rudimentär. Aber ich fühle es. Jeder der am Strand auftaucht, wird eingeladen in unserem Kreis mitzumachen. Reich oder arm. Mann oder Frau. Alle sind wichtig. Am dritten Tag lädt uns Dulce zu einem Fest am Strand ein. Es ist für die Familie und findet am Abend statt. Wir sind zutiefst gerührt. Ich möchte Dulce etwas zurückgeben und biete ihr eine Fußmassage an. Ihre Füße sind geschwollen. Wir verabreden uns noch für den selben Tag in ihrem Ferienhaus in Verasur.

Es liegt in Gottes Hand 

Das Haus ist uns schon aufgefallen. Nicht nur, wegen der geparkten Autos ringsum, da ist auch der kleine Kurzhaar Dackel, der streng den Eingang bewacht …! Eine ältere Frau in Ordenskleidung macht uns die Tür auf. Sie ist eine Verwandte und erzählt uns gleich, dass sie sehr gläubig ist. Sie hofft, jeden Tag auf ein Wunder, aber es liegt in Gottes Hand. Dulces Mutter stammt von Deutschland und ihr Bruder ist der deutscher Konsul in Veracruz. Amanda, unsere Vermieterin, ist ebenfalls eine Verwandte. – Mir schwirrt der Kopf (!) – Sie sind eine sehr große Familie und das ist gut so, Alle halten zusammen, schließt sie.  Augenblicklich fühle ich mich etwas deplatziert. Deutscher Konsul? Verstohlen blicke ich mich um. Es ist ein sehr geschmackvoll eingerichtetes Ferienhaus. Bodenlange Fenster zeigen in einen gepflegten Garten. Ich denke an unseren Postbus …! 

Fußmassage

Dulce liegt in ihrem Bett. Ihr Zimmer ist klimatisiert. Sie hat starke Schmerzen in der Hüfte. Ich beginne mit ihren Füßen. Ihre Tante setzt sich still neben das Bett. Es ist eine ruhige Atmosphäre getragen von der Liebe zu der Kranken. Danach begleitet mich ihre Verwandte nach Hause. Wir laufen nebeneinander: Eine mexikanische gläubige Frau, die fest in ihrer Familie verankert ist, und eine deutsche Frau, die kaum noch Familie hat. Wir könnten nicht unterschiedlicher sein und sind dennoch miteinander verbunden. 

Una fiesta a la playa

Am Abend treffen sich alle am Strand. Es finden sich etwa 30 Personen ein. In ihrer Mitte sitzt Dulce im Rollstuhl. Ein großes Lagerfeuer wird entzündet. Und dann findet eine mexikanische Zeremonie statt. Eine Kerze wird Reihum gereicht und entsprechende Wörter gesprochen, die Berni und ich zwar nachsprechen, aber nicht verstehen. Die Kerze wird auf den Boden gestellt. Wieder danken wir den Elementen und bitten sie um Unterstützung bei Dulces Kampf ums Leben. Mit jedem Element findet eine Kerze ihren Platz auf dem Boden. Wir berühren die Mutter Erde mit den Händen, tauchen die Füße ins Wasser und strecken die Hände in Richtung Mond. Wir tanzen um Dulce im Kreis herum. Unsere Hände bilden ein Dach über ihrem Kopf.

Die Kraft der Liebe heilt

Es ist eine große Verbundenheit zu spüren. Fast schon Magie. Dann treten Freunde und Verwandte zu Dulce um ihr zu danken. Auch wir danken ihr für diese Begegnung. Wir sind überwältigt von ihrer Liebe und Offenheit. Von der Herzlichkeit der Familie und dem liebevollen Umgang miteinander.

Vielleicht mussten wir den weiten Weg von Deutschland nach Mexiko finden um genau das wiederzufinden. Jetzt. In der Zeit in der wir uns spalten lassen. In der Zeit, in der wir uns in unsere Häuser verkriechen und uns gegenseitig mißtrauen. In der Zeit der Angst.
Es ist kein Zufall. Soviel ist sicher.

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