Berni und ich liegen in unserem Postbus und können nicht schlafen. Wir übernachten auf dem Campingplatz der Destillerie Puntual, die auf einem der Hügel gelegen ist. Der Lärm, der von der Stadt Valle de Santiago de Tequila zu uns dringt, will kein Ende nehmen. Es klingt, als ob eine Veranstaltung mit der nächsten konkurriert. Dazwischen Böller wie an Silvester. Inzwischen ist es weit nach Mitternacht. Die gesamten Einwohner der etwa 30 000-Einwohner-Stadt samt ihren Touristen scheinen die Revolución Mexicana (Mexikanische Revolution) zu feiern. Wo sind wir hier nur hingeraten?
Rollende Tequila Fässer
Am nächsten Vormittag machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Und staunen nicht schlecht: Es begegnen uns seltsame Fahrzeuge auf der Straße. Aus fassförmigen Bussen prosten uns angetrunkene Touristen zu. Offensichtlich eine Touristenattraktion. Moment, war das nicht gerade eine fahrende Tequilaflasche?
Im Zeichen der Agave
2006 wurde die Agavenlandschaft der Sierra von der UNESCO zum Kulturerbe der Menschheit erklärt. In der Stadt ist man stolz auf die Auszeichnung. Folglich dreht sich im Zentrum alles um die Agave, die Hauptzutat des Tequila. Sei es an den Brückengeländern, an Hoftoren, auf den Bänken, an Abflussgittern, ja sogar auf den Mülleimern – überall finden wir mehr oder weniger kunstvolle Verzierungen. Und wer hat schon einmal Agaveneis gegessen? Oder Agavensaft getrunken? Hier ist alles möglich!
Villa de Santiago de Tequila
2003 folgte die nächste Auszeichnung als Pueblo Mágico (besondere Stadt). Zurecht, denn mit ihrem Kopfsteinpflaster, den bunten Häusern und der steinernen Kirche Santiago Apóstol bietet die Altstadt neben kulinarischen Genüssen auch schöne Fotomotive. Berni und ich setzen uns auf eine Bank auf der Plaza Principal und beobachten das muntere Treiben. Der Platz ist gesäumt von Restaurants und Cafés. Die Tourenjäger sind fleißig unterwegs: Eine Stadtbesichtigung im rollenden Fass? Oder doch lieber eine Besichtigung der La Rojeña?
Mundo Cuervo – die Welt des José Cuervo
La Rojeña von José Cuervo war die erste Fabrik überhaupt, die Tequila destillierte. Es ist inzwischen ein herrschaftliches Gelände mit Hotels, Restaurants, Bars, Shops und einem Tequila-Museum. Das spanische Wort „cuervo“ bedeutet auf Deutsch „Rabe“. Und so bewacht ein übergroßer bronzener Vogel den Eingang. Er ist ebenfalls ein beliebtes Fotomotiv. Da wir bereits die Besichtigung einer Destillerie hinter uns haben, verzichten wir auf dieses kostspielige Erlebnis. Doch die Einblicke in das Gelände sind herrschaftlich.
Da wir uns nicht entscheiden können, in welchem Restaurant wir zu Mittag essen sollen, suchen wir den örtlichen Comedor (Markt für Essen) auf. Und halten Ausschau nach dem Stand, an dem die meisten Mexikaner sitzen. Denn dort ist das Essen immer am besten! Und danach gönnen wir uns noch ein Eis und schauen den Touristen zu. Wie sie nüchtern in die rollenden Tequilafässer steigen und betrunken heraustorkeln. Was für ein Irrsinn!