Um die Entstehung des Tequila ranken sich viele Mythen
Wir sind zehn Personen unterschiedlicher Nationalitäten und lauschen den Worten von José dem Besitzer der Destillerie Puntual. Die Sonne geht zartrosa hinter den gelben Vulkanbergen unter. Davor schimmert das Blau der Agaven, der einzigen Zutat des Tequila. Als Unkrautvernichter und Dünger funktionieren Ochsen, Kühe und Pferde. Es ist eine Schönheit wie auf einem Gemälde. Und wir mittendrin.
Wilde Hasen
„Die Ureinwohner Mexikos beobachteten, wie Hasen den Strunk einer Agave anknabberten. Sie probierten ihn ebenfalls. Er schmeckte leicht süßlich, war aber reichlich zäh“, erzählt José. „Durstige Hirten fanden Wasser, das sich nach einem Regenguss in den Hohlräumen der angeknabberten Agave gesammelt hatte. Davon waren sie schon mehr begeistert, denn es schmeckte süßlich. Noch besser schmeckte der Saft, wenn die Hitze des Tages, verbunden mit dem Zucker der Agave, ein leicht alkoholhaltiges Getränk produziert hatte.“
Der Pulque als Vorgänger
Der Pulque war geboren. Die Geschichte spielte sich bereits 200 n. Chr. ab. Der Pulque wurde zu einem heiligen Getränk. Er war der Göttin Mayahuel gewidmet, der Frau mit den 400 Brüsten, was auf die vielen Triebe der Agavenpflanze und ihren Milchsaft hinweist.“ José wirft ein: „Während zu der damaligen Zeit weltweit Babys ohne Mütter starben, stellten die Ureinwohner mit dem Saft der Agave und Mais eine vollwertige Pflanzenbabymilch her.“
Die Spanier
„Als die Spanier im 16. Jahrhundert nach Mexiko kamen, suchten sie nach einem Ersatz für ihre Spirituosen aus der Heimat. Mit Blick auf den Pulque schien die Agave eine gute Voraussetzung zu bieten. Die Destilliertechnik brachten sie bereits mit. Die Spanier experimentierten und erhielten mit der einmaligen Destillation den Mezcal und mit der zweimaligen Destillation den Tequila. Letzterer erhielt seinen Namen nach der Stadt Tequila im Bundesstaat Jalisco, die sich zum Zentrum der Produktion entwickelte.“ José führt uns über sein Agavenfeld. Die blaue Weber-Agave hat sich als optimal erwiesen. In seinem Betrieb wird sie erst im Alter von neun Jahren geerntet.
Eine aufwändige Ernte
Mithilfe eines speziellen Spatens werden die Blätter der Agave abgeschlagen. Sie wehrt sich nach Kräften, denn an ihren Längsseiten befinden sich scharfe Dornen. Scheinbar werden Wettkämpfe über die Geschwindigkeit des Zerlegens ausgefochten, denn Josė meint: „Ein guter Mann schafft eine Agave in einer Minute …“, er zwinkert, „ich brauche gefühlte Stunden!“
Wir machen uns auf den Weg in die Destillerie.
Wie entsteht der edle Tropfen?
In einem riesigen Ofen werden die geteilten Strunke weichgekocht (bei Josė bis 95 Grad, 8–12 Stunden) und anschließend zerkleinert. Der entstandene süße Saft wird mit Hilfe von Hefe mehrere Tage fermentiert. Danach wird der Mosto zweimal destilliert. Inzwischen hat unser Tequila sechzig Prozent Alkoholgehalt. Er wird mit frischem Vulkanquellwasser auf etwa fünfundvierzig Prozent gesenkt.
Wir wechseln in die Probierstube. An einer langen Bar sind bereits zehn Gläser aufgereiht. Josė nimmt hinter der Bar Platz, vor ihm stehen fünf Flaschen. „Jetzt kommt der schöne Teil der Veranstaltung“, schmunzelt er und lacht schelmisch. „Wenn meine Frau schimpft, dass ich zu viel Tequila trinke, kann ich sagen: „Nein, Frau (!), ich arbeite!“ Alle lachen.
Tequila Blanco
Wir fangen mit dem Tequila Blanco an. Der Tequila Blanco lagert nicht ein und ist von klarer Farbe. Zuerst wird am Glas gerochen! Ich habe noch nie eine Agave gegessen und es fällt mir schwer, den Geruch zu beschreiben. Würzig und ein wenig herb? Aber ich verbrenne mir am Alkohol fast meine Zunge und den Gaumen, sodass sich sein wirklicher Geschmack mir entzieht. „Das gibt sich!“ verspricht Josė.
Tequila Reposado
Es folgt der Tequila Reposado. Er lagert sechs Monate ein und hat eine leicht goldene Färbung. Diesmal kann auch ich einen Unterschied schmecken. Er schmeckt irgendwie runder und gleichzeitig differenzierter.
Tequila Añejo
Die nächste Runde bestreitet der Tequila Añejo. Er verdankt seinen Namen der einjährigen Lagerung im Holz- oder Edelstahlfass. „Un año“ bedeutet im Spanischen „ein Jahr“. Mein Gaumen hat sich offenbar an den Alkohol bereits gewöhnt und empfindet diesen Tequila als geradezu mild. Er schmeckt ein wenig nach Karamell oder Vanille?
Tequila Extra Añejo
Die Stimmung an der Bar hat sich von Tequila zu Tequila merklich gehoben. Die Amerikanerin neben mir, ist im siebten Himmel. Von der Ecke der Franzosen ertönt schallendes Gelächter. José kontrolliert die Gläser. Wenn alle geleert sind, folgt die nächste Runde. „Ganz wenig, bitte!“, signalisiere ich an meinem Glas. Er weiß es bereits und wendet sich Berni zu. Der Tequila Extra Añejo lagert drei Jahre ein. Er ist geschmacklich noch gefälliger und irgendwie süffig …
Tequila Grand Reserva
Der Tequila Grand Reserva ist das Sahnehäubchen unter den Tequilas. Er lagert zehn Jahre ein und hat sein volles Aroma erreicht. „Mehr geht nicht, selbst wenn er hundert Jahre einlagert“, versichert José. Die Aromen im Tequila können bis zu 600 verschiedene Sinneseindrücke umfassen, was ihn zu einer der komplexesten Spirituosen macht, verglichen mit Cognac (300) oder Whisky (150). Meine Sinneseindrücke verweigern sich jedoch der Differenzierung. Er schmeckt mir einfach nur gut!
Preise
Nun ist der richtige Moment, an eine Erinnerung für zuhause zu denken. Die Preise (2025) staffeln sich bei der Destillerie Puntual vom ersten Tequila Blanco bis zum wertvollsten Tequila Grand Reserva: Von etwas über 30 € bis zu 150 €/Flasche. Aber Reisemobilisten sind nicht unbedingt die richtigen Gäste, um große Geschäfte erwarten zu können.
Campingplatz Puntual
Alle außer den zwei Amerikanerinnen stolpern von der Destillerie in ihr Wohnmobil. Der Weg ist nicht weit. José bietet auf seinem weitläufigen Grundstück einen Campingplatz und Ferienhäuschen an. Er weiß, warum …!