„Seems like you’re having a lot of fun“ bemerkt der Kanadier am Nachbartisch. „Oh, she’s killing us right now“ antworte ich ihm mit Blick auf die Spielsteine auf dem Tisch. Irene stöhnt: „So quält sie mich jede Woche. Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir das antue!“ Sie erntet einen mitleidigen Blick von mir, während Brigitte mit atemberaubender Geschwindigkeit die Steine verschiebt und schließlich gewinnt.
Brigitte, Irene und ich sitzen in einem Restaurant am Playa Barra de Navidad und spielen Rummikub. Der Blick auf das Meer ist atemberaubend, aber wir schauen nicht hin. Es ist ein Spiel, das süchtig macht. Unser Frühstück ist schon längst abgeräumt und es dürfte auf 14:00 Uhr zugehen. Time to go home. „Noch ein Spiel …?“ bettelt Irene. Brigitte ist unerbittlich.
Casa Papa
Berni und ich sind zu Gast bei Brigitte und Wolfgang. Brigittes Vater kam 1973 das erste Mal nach Barra de Navidad, dann jedes Jahr für ein paar Wochen und ab 2000 für immer. Er kannte Barra de Navidad, als es noch ein Fischerdorf war. Seine Erscheinung war legendär: Er war der deutsche Patrón, der mit einem alten Mercedes und Hut durch den Ort fuhr. 2008 lud ihr Vater seine Tochter und ihren Mann Wolfgang ein, ihn zu besuchen. Seitdem ist Mexiko Brigittes zweite Heimat. Sie durfte ihren Vater noch sieben Jahre begleiten, bevor er 2015 starb. Während unseres Aufenthalts wohnen wir im Casa Papa. Ab und zu vermietet sie das kleine Häuschen. Wir haben Glück, es ist frei!
Ihr Mann Wolfgang baute ein dreistöckiges, modernes Haus, das Casa Blanca, mit Pool keine hundert Meter entfernt. Seitdem leben die Beiden sechs Monate in Mexiko und in Deutschland nahe der Schweizer Grenze. Jedes halbes Jahr nur an einem Fleck? Wird das nicht langweilig?
Wir dürfen 12 Tage mit ihnen verbringen, in denen sie uns ihr Leben außerhalb von Deutschland zeigen. Eines kann ich sagen: Langweilig ist es nicht!
Die Touristenstadt Barra de Navidad
Barra de Navidad zählt etwa viertausend feste Einwohner. Wieviele Ausländer saisonal in der Stadt leben, lässt sich nicht erfassen. Aber es sind gefühlt genauso viele! Das Besondere an der Stadt ist der geschützte Hafen, der zog und zieht Seefahrer aus aller Welt an. Sie ließen sich ganz oder über die Winterzeit in der Stadt nieder. Inzwischen gibt es ein richtiges Kanalsystem: Frei nach dem Motto „direkt vom Boot ins schicke Haus“. Und die Gäste bringen ihre Vorlieben mit. Es gibt Sportplätze für jede Sportart, im Moment ist Pickleball der Renner.
Wenn es die Zeit zulässt, geht Brigitte zweimal die Woche tanzen. Im Nachbarort Melaque spielt heute ihre Lieblingsband. Sie nimmt uns mit. Das Restaurant Albatros liegt direkt am Strand. Den Sonnenuntergang bei einem guten Essen oder Drinks zu genießen, das hat schon etwas! Zwei Musikbands spielen an diesem Abend. Wir fühlen uns fast wie in Amerika, weil das Publikum vorwiegend aus Gringos besteht.
Es ist immer etwas los in Barra de Navidad
Der Samstagmorgen ist für eine Massage und Frühstück mit Irene reserviert. Irene ist Deutsche und lebt inzwischen dauerhaft in Barra. Letzteres zieht sich zeitlich, weil die Damen Rummikub spielen! Das Spiel ist eine Mischung aus Rommé und Domino. Da die Spielkarten am Strand davonfliegen können, ist das Spiel mit Steinen praktischer. Aber Vorsicht: Es macht süchtig! Am Abend dürfen wir Brigitte und Wolfgang zu einer Abdankung begleiten. Sergio, der gute Freund ihres Vaters, ist gestorben. Eine Abdankung ist so etwas wie eine Trauerfeier, allerdings weniger steif als in Deutschland. Dort treffen wir weitere Deutsche wie Ursula, Helga, Günter und Frank. Den letzten Tequila trinken wir auf der Terrasse von Günter.
Und da wäre noch das Boccia-Spiel, an dem Wolfgang und Brigitte freitags teilnehmen.
Ausflüge rund um Barra de Navidad
Früher planten sie einmal die Woche einen Ausflug zu den Nachbarstränden. Mit von der Partie waren oft Ursula, Helga oder Irene. Das hat sich etwas gelegt. Aber nun ist die Gelegenheit günstig. Von ihnen lernen wir, wie bequem ein Strandbesuch sein kann. Die Restaurants bieten häufig einen kostenlosen Parkplatz, einen Tisch mit Sonnenschirm am Strand, gute Verpflegung, Toiletten und Duschen. Einmal einen Tisch belegt, kann man stundenlang den Strand genießen oder Rummikub spielen.
Das gesellschaftliche Leben
Dann wären da noch die wechselseitigen Einladungen. Markus und Terry besuchten Wolfgang und Brigitte zum Rotkraut-, Kartoffelbrei- und Gulaschessen. Es endete in einem Spieleabend. Helga lud uns zu einem leckeren Weißkohl-Hackfleisch-Essen in ihr Appartement ein. Sie stammt aus Hamburg und ist mit ihren achtzig Jahren das blühende Leben. Bei ihrem Freizeitprogramm können wir nicht mithalten – sie ist ein strahlender Wirbelwind! Der Nachmittag und Abend gingen schnell vorüber, denn wir spielten Rummikub! Was sonst?
Ein Überfall in Barra de Navidad
Am meisten faszinierten mich die Geschichten, die erzählt wurden. Helga, zum Beispiel, wurde letztes Jahr auf dem Nachhauseweg (21:30 Uhr!) von einem Junkie mit einem Revolver bedroht. Er wollte ihre Tasche und sie gab sie ihm. „Er war sicher enttäuscht: Ich nehme immer nur 500 Pesos (25€) mit und hatte schon 300 Pesos ausgegeben!“, schmunzelt sie, „aber mein Handy war noch in der Handtasche. Das war ärgerlich!“. Ob sie zur Polizei ging, will ich wissen. „Nein, wozu?“, antwortet sie und lacht. Aber sie kommunizierte in der Facebook-Gruppe „Barra de Navidad“ über das Erlebte. Und siehe da, ein paar Tage später, erhielt sie eine Nachricht, dass zwei Jungs ihr Handy zurückbringen würden. Und so war es. Der Junkie ward nie wieder gesehen. „Barra de Navidad ist sicher“, beruhigt Brigitte, „weil das Kartell aufpasst. Sie dulden keinen Ärger mit Touristen!“ Das Kartell als die bessere Polizei? Von dieser Seite habe ich das noch nicht gesehen!
Das Leben in Barra fühlt sich leicht an, fast surreal. Jeden Tag Sonne, Strand und nette Leute – da vergisst man die Probleme und Sorgen zuhause. Ist das schlimm? Nein. Die Menschen sind vitaler und voller Lebensfreude.