„Berni …!“, ich hole tief Luft. „Da steht, dass die ursprünglichen Bewohner von Altavista, die Tecoxquin, nicht Kriege führten, um Land zu erobern, sondern um Kriegsgefangene zu erbeuten!“ Ich zeige auf das Informationsschild der Altavista-Petroglyphen und übersetze: „(…) Vielmehr ging es darum, Krieger gefangen zu nehmen, um sie rituell zu opfern, wobei ihre abgeschlagenen Köpfe anschließend den Göttern dargebracht wurden.“ Ich schaue Berni entsetzt an: „Deshalb wurden die Tecoxquin auch die Kehlenschneider genannt! Wie gruselig!“ Dunkel erinnere ich mich an die Praxis der Tolteken und der Maya, die ebenfalls die tapfersten Krieger der Gegenpartei rituell opferten. Der Dschungelpfad mit den bunten Schmuckelementen, die im Wind flattern, sieht plötzlich gar nicht mehr so fröhlich aus! Bilderverzierungen?
Die Dramatik der Landschaft
Die archäologische Stätte von Altavista, bekannt als „La Pila del Rey”, befindet sich entlang der Schlucht von Piletas an den Hängen des Vulkans Copo. Sie liegt in einem ganz besonderen Gebiet. Von Mai bis Oktober (Regenzeit) ziehen die Berge von Altavista starke Regenfälle an. Während die westliche Seite ein üppiges Grün und Fruchtbarkeit aufweist, ist die östliche Seite dem halbwüstenartigen Klima zuzuordnen. Bedenkt man, dass der Bundesstaat Nayarit in Mexiko die fünfthöchste Niederschlagsmenge im Land aufweist, erklärt dies die Üppigkeit, in der wir uns gerade befinden.
Die Altavista-Petroglyphen
Die Ausgrabungsstätte erstreckt sich auf etwa 80 Hektar. Auf ihr befinden sich mehr als 2000 identifizierte Zeichnungen. Da sind Spiralen, Wellenlinien, Punkte und – Moment mal, ich zeige auf eine Abbildung – „Schau mal, Berni, das sieht aus wie die Kinderzeichnung eines Raumschiffs!“ Die Archäologen interpretieren die Zeichnungen im Kontext der Tecoxquin als Bauernvolk. Sie sind möglicherweise Symbole für den Wechsel von Regen- auf Trockenzeit, ein Zeichen für Sturm oder Wind. Kurz: Man weiß es nicht. Eins ist gewiss: Sie waren kreativ.
Die Tecoxquin (Kehlenschneider)
Sie lebten zwischen 2000 v. Chr. und 1540 n. Chr. und waren hauptsächlich Bauern, Fischer, Salzproduzenten und Händler von Kakao und Baumwolle. Ihr Wirkungskreis reichte im Norden bis nach Sinaloa, im Süden und Osten bis nach Colima und Michoacán. Und sie waren religiös.
Sie praktizierten Schamanismus oder Nahualismus. Der Name des Bundesstaates Nayarit leitet sich vom Wort „nahualli“ ab. Sie wussten sich durch Pflanzen und Tabak in Trance zu versetzen, um mit ihren Gottheiten in Kontakt zu treten. Denen sie dann ihre Trophäenköpfe darlegten! Mich schaudert. Bei dieser Zeremonie möchte ich nicht anwesend gewesen sein! Ich kann jede Menge verzierter Steine erkennen, jedoch keine Opfersteine, wie wir sie vom blutigen Opferkult der Kelten und Germanen kennen.
Stattdessen sehe ich bunte, umwickelte Kreuze und Bänder an den Bäumen und den Steinen. Was bedeutet das?
Ein religiöses Zentrum
Wie vielen indigenen Völkern in Mexiko setzten die Spanier dem Volk der Tecoxquin ein Ende. Die alten Dörfer bis hin zu den Salzproduzenten von Ixtapa wurden von den Tecuales besiedelt, den Vorfahren der heutigen Huicholen. Sie sind es, die heute die Altavista-Petroglyphen besuchen und Zeremonien für Nakahue „unserer Großmutter der Fruchtbarkeit“ und für Tatevari den „Großvater des Feuers“ abhalten. Es ist nach wie vor ein wichtiges religiöses Zentrum.
Viele Legenden um die Altavista-Petroglyphen
Um die Altavista-Petroglyphen ranken sich viele Geschichten. Die Spanier glaubten, dass der Apostel Matthias hier gewesen sein musste, aufgrund der vielen eingravierten Kreuze. Tatsache ist allerdings, dass das Symbol des Kreuzes für die meisten alten Mesoamerikaner eine mentale Karte des Kosmos darstellte: die vier Himmelsrichtungen und in der Mitte das Zentrum. Nun verstehe ich auch die bunten Anhänger, die in den Zweigen hängen!
Eine weitere Geschichte besagt, dass ein frommer Christ in dem Gebiet lebte, den die Einheimischen verehrten. Daher die vielen Kreuze. Noch heute stellen Bauern Kerzen auf oder verstreuen Salz, um etwas zu erbitten.
Wasser ist Leben
Am Ende des Pfades erwartet uns ein kleiner Wasserfall, der zwei Badebecken ausbildet. Er kommt wie gerufen! Die Luft ist schwülwarm. Wir stürzen förmlich ins Wasser. Und von unserer kühlen Naturbadewanne aus blicke ich um mich: Ja, an diesem Ort kommen die Fruchtbarkeit, die Stärke und die Vielfalt der Erde zum Ausdruck! Ein Ort wie geschaffen für geistige Höhenflüge jeglicher Art.
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