Der Dedo del Dios von Maruata, Michoacán, Mexiko

„Das, was da so raschelt, sind Kakerlaken im Laub“, sagt Berni, nachdem er um den Bus herumgegangen ist und die Lage begutachtet hat. „Du brauchst dich nicht zu fürchten!“ Er krabbelt beruhigt in sein Bett zurück. „Was?“, rufe ich entsetzt, „Können die Kakerlaken in den Postbus gelangen? Sind wir hier wirklich sicher?“.

Maruata, fernab des Massentourismus

Berni und ich befinden uns in dem Fischerdörfchen Maruata. Es steht in keinem Reiseführer und ist unter den ausländischen Touristen kaum bekannt, wohl aber bei den Mexikanern: Es ist ein Geheimtipp für junge Leute oder Familien, die am Strand zelten wollen. Die Restaurants haben sich alle darauf spezialisiert. Die zu mietenden Zelte stehen größtenteils schon aufgebaut unter Palapas und warten auf die Gäste. Sie kommen in der Hauptsaison zwischen April und Mai.

Camping bedeutet hier Zelten

Gestern suchten wir verzweifelt einen Übernachtungsplatz und wollten schon umkehren, bis ich einen Mann am Straßenrand fragte. Er verwies uns an Eric. Seitdem rätseln Berni und ich, wer zur Familie gehört und wie alles zusammengehört. Wir dürfen für 150 Pesos (7,50 €) pro Nacht auf der Skaterbahn seines etwa fünfjährigen Sohnes Jesu Arnoldo campen. „Das ist der beste Platz, weil es dort immer Schatten gibt! Außerdem ist mein Sohn am Fuß verletzt. Er kann derzeit nicht skaten.“ Das ist sensationell günstig. Toilette und Dusche benutzen wir von seiner Cabaña (Ferienzimmer). Sogar den Strom, den wir für unseren Starlink benutzen, gibt es inklusive. Dafür geben wir ihm unser Zugangspasswort. Eric strahlt. In Maruata gibt es keinen Internetanschluss. Ich schaue mir den Fuß des kleinen Mannes an. Die Wunde hat sich entzündet und sieht nicht gut aus!

Maruata und seine Strände

Der Ort liegt an drei wunderschönen Stränden, die durch zerklüftete Felsen voneinander getrennt sind. Durch Felsdurchbrüche bricht stoßweise Gischt hervor, wie das Schnaufen eines wütenden Riesen. Und dazwischen thront der „Dedo del Dios“ (der Finger Gottes).

Erst nach Sonnenuntergang kehren wir zum Bus zurück. Wo sind wir hier eigentlich gelandet? Es scheint eine Großfamilie zu sein, die gerade gemeinsam zu Abend isst. Es wird gelacht und diskutiert. Die Kinder springen in der Dunkelheit herum. Ein Schwein grunzt neben unserem Bus, irgendwo scharren Hühner, Hunde bellen und Kakerlaken huschen durch das Laub! Der Abend klingt mit Musik aus. Die Familie ist arm, soviel steht fest. Ob sie sich die Medizin für den kleinen Jesu leisten kann? Mit diesen Gedanken schlafe ich ein.

Gastfreundschaft

„Bernardo!“, weckt uns die Stimme von Eric, „Bernardo! Möchtest du eine Kokosnuss zum Frühstück? „Si!“, rufe ich anstelle von Berni, denn ich liebe Kokosnüsse. Er stellt uns zwei frisch geerntete Kokosnüsse vor den Postbus. So fängt der Tag gut an.
Etwa eine Stunde später ruft uns Eric wieder. Er trägt einen riesigen Fisch in den Armen: „Mögt ihr Fisch? Hier, er ist ein Geschenk!“ Wir mögen Fisch. Aber ein Kaliber dieser Größe? Kein Problem, Eric wird ihn in Filetstücke schneiden lassen. Was soll ich daraufhin sagen?

Ein Geben und Nehmen

„Was macht der Fuß deines Sohnes?“, frage ich. „Hast du Antibiotika?“ „Sí“, antwortet er, aber ich bin mir nicht sicher. Er ruft Jesu Arnoldo und ich begutachte die Wunde erneut. Sie sieht etwas besser aus. Aber der Junge trägt bakteriell verseuchte Plastikbadeschuhe, an denen sich die Wunde immer wieder selbst infiziert. Ich desinfiziere die Wunde mit einem Spray und die Schuhe mit einem speziellen Schuhspray aus unserer Busapotheke. Wir verwenden es ab und zu für unsere Sandalen und Badeschuhe. „Trage alles mehrmals am Tag so auf, wie ich es gemacht habe“, sage ich seiner Mutter. Sie nickt schüchtern. Und dann drücke ich ihr die Medikamente in die Hand: „Sie sind ein Geschenk!“ „Aus Deutschland?“, fragt Eric ehrfürchtig. Dann müssen sie gut sein!

Der Dedo del Dios wacht über dem Dorf

Berni und ich haben selten einen Ort erlebt, an dem alle Menschen so freundlich sind. Sie sind arm, und damit meine ich nicht nur unsere Gastgeber. Für unsere Verhältnisse unvorstellbar arm. Der Ober im Restaurant am Strand kann unser Geld nicht korrekt wechseln. Er schenkt uns ein Drittel des Betrages. Ich will alles Kleingeld aus unserem Geldbeutel zusammenkratzen, aber nein, es ist ihm eine Ehre.
Was ist es, das diese Freundlichkeit ausmacht? Vielleicht sollten wir auch einen „Dedo del Dios (Finger Gottes)“ irgendwo aufstellen. Er scheint das Dorf mit einer besonderen Energie zu versehen.